Feuerwehreinsätze bei Flugunfällen mit Kleinflugzeugen

Am 26.11.2019 fand in der Aula des Lise-Meitner-Gymnasiums in Unterhaching auf Einladung der Kreisbrandinspektion die Fortbildungsveranstaltung „Feuerwehreinsätze bei Flugunfällen mit Kleinflugzeugen“ statt. Als Referent konnte der Luftfahrtsachverständige Herbert Lehner gewonnen werden, der dieses Thema auch in der SFS Regensburg als Ausbilder begleitet und als Beauftragter der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) tätig ist.

Der Einladung waren rund 150 Teilnehmer aus den Landkreisfeuerwehren mit Inspektion, sowie von THW und Polizei gefolgt.

Den Schwerpunkt der Multiplikatorenschulung bildete neben den einzelnen Rettungsmöglichkeiten bei Flugunfällen insbesondere die Gefahrenschwerpunkte, die sich für den Feuerwehreinsatz ergeben können.
Einleitend erfolgte eine allgemeine Einteilung der Luftfahrzeuge selbst (leichter als Luft, schwerer als Luft, mit und ohne Motor, sowie Luftsportgeräte – hierunter fallen auch Ultraleitflugzeuge -), sowie die Differenzierung von deren Technik bzw. Aufbau (d.h. die Flugzeugbauweisen und Triebwerke, die Stromversorgung und Fluginstrumente). Daneben ging der Referent kurz auf die modernen Compositbauweisen (z.B. Kohle- oder Glasfaser, aber auch Mischgewebe, vgl. Foto) und mögliche Arten der Treibstoffversorgung ein. Die in der Luftfahrt gebräuchlichen Treibstoffe (Kerosin „Jet A-1“ mit Flammpunkt über 28°C, Flugbenzin „AVGAS“ mit Flammpunkt unter -18°C) wurden erläutert und Lage der Tanks und Absperrmöglichkeiten (sog. „Tankwahlschalter“ bzw. „Brandhahn“) beleuchtet. Dergleichen gilt für die Funktion des „Masterswitch“ zur Trennung von Batterie vom Bordnetz.

Im Hinblick auf die Gefahren an der Einsatzstelle durch Treib- und Betriebsstoffe, sowie Bordspannung können Flugunfälle mit Kleinflugzeugen zusammengefasst und aus Sicht der Feuerwehr den Unfällen im Straßenverkehr weitgehend gleichgesetzt werden.

Ein signifikanter Unterschied existiert allerdings bei den Sicherheitssystemen der Kleinflugzeuge und den hieraus resultierenden Gefahren für die Einsatzkräfte. Wesentliches Element des Vortrags war somit das pyrotechnische Rettungssystem, welches bei allen Ultraleitflugzeugen (diese sind in Deutschland mit dem Kürzel „D-M…“ gekennzeichnet) verbaut ist. Hierbei wird im Anforderungsfall durch den Piloten manuell ein Rettungsschirm aus dem Fluggerät geschossen, sodass das Ultraleichtflugzeug samt Piloten gesichert zu Boden kommt. Der Antrieb dieser Rakete erfolgt pyrotechnisch mittels Raketenmotor. Sofern bei einem Absturz das Rettungsgerät nicht aktiviert wurde, ist die Rakete (ähnlich eines nicht ausgelösten Airbags) noch scharf und stellte eine unmittelbare Gefahr für Einsatzkräfte und Ersthelfer dar.

Insbesondere wurde auch auf den Umstand hingewiesen, dass die Lage der Ausschussöffnung und die Positionierung des Raketenmotors je nach Konstruktionstyp differiert (vorne, hinten, aber auch seitlich) und auch keine einheitliche Kennzeichnung vorgeschrieben ist. Dergleichen gilt für die Position des Auslösegriffs. Als Hilfestellung wurde angegeben, dass sich der dieser naturgemäß immer im unmittelbaren Zugriffsbereich des Piloten befindet, ferner dass die Strecke zwischen Griff und Rakete aus konstruktiven Grünen (Bowdenzug) möglichst kurz gehalten wird und sich die Rakete somit tendenziell in der Nähe des Griffs befinden wird.

Insgesamt ist eine gründliche Erkundung durch die ersteintreffenden Feuerwehrkräfte essenziell. Wenn die Ausschussposition erkannt wird, sind entsprechend weiträumige Absperrmaßnahmen in Ausschussrichtung zu veranlassen (der direkte Gefahrenbereich durch die Rakete ist größer 100m und öffnet sich in einem 45° von der Ausschussöffnung).

Die Rakete selbst kann auch durch Einsatzkräfte nicht „entschärft“ o.ä. werden. Vielmehr verbleibt der Feuerwehr nur die Möglichkeit, den Auslösegriff gegen ungewollte Betätigung zu sichern und in der Nähe des Bowdenzugs bzw. der Rakete mit Schneid- und Spreizarbeiten entsprechend vorsichtig zu sein. Eine weitere (theoretische) Möglichkeit besteht nach Herrn Lehner im Durchtrennen des Zugseils kurz vor der Rakete (und vorzugsweise mit dem Pedalschneider). Hieraus resultiert allerdings auch der Umstand, dass durch die Krafteinwirkung auf den Bowdenzug eine unbeabsichtigte Auslösung nicht final auszuschließen ist. Insofern sollte diese Möglichkeit nach Auffassung des Verfassers nur im äußersten Notfall gewählt werden.

Ein brandbedingtes Auslösen des Sicherungssystems ist gemäß der Darstellung des Referenten ebenfalls wahrscheinlich. Insofern sind Löschmaßnahmen immer aus der Deckung vorzunehmen.

In eigener Sache gab der Referent an, dass es für die Unfalluntersuchung wesentlich ist, dass die Einsatzkräfte alle Veränderungen an der Einsatzstelle (z.B. die Position von Schaltern, Sicherheitssystemen o.ä.) zu dokumentieren. Daneben wurde auf den Film „Helfer in Gefahr, Hinweise für Rettungskräfte bei einem Flugunfall“ verwiesen.

Um die Teilnehmer auch praktisch bezüglich der Gefahr des Raketenmotors zu sensibilisieren, wurde ein pyrotechnisches Rettungssystem eindrucksvoll auf der Freifläche hinter dem Gymnasium im Anschluss an den Vortrag lautstark zur Zündung gebracht. Den Abschluss der Fortbildung bildete eine offene Diskussion bzw. ein Erfahrungsaustausch der Teilnehmer untereinander in der Schule.

Thilo A. Hoffmann, Kreisbrandmeister